Und plötzlich ist alles anders …

Und plötzlich ist alles anders …
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Die fast 80-jährige Maria M. lebt ein ganz normales, selbständiges Leben. Bis ein unglücklicher Sturz alles verändert.

Maria M. ist eine rüstige, ältere Dame. Mit ihren 79 Jahren ist sie „flott unterwegs“, wie man so schön sagt. Sie geht wandern mit ihren Freundinnen, lebt alleine in ihrer kleinen Wohnung, putzt selbst, kocht selbst und sonntags kommen die Kinder und Enkelkinder immer zum Mittagessen. Doch dann passiert es: Als sie an einem Sonntagmorgen ihre Wohnung verlässt, bleibt sie an einer losen Bodenfliese hängen, verliert das Gleichgewicht und stürzt unglücklich die Treppe hinunter. Sie kann nicht mehr aufstehen und ruft die Nachbarn zu Hilfe, die gleich die Rettung verständigen.

Maria M. ist unter Schock und klagt über Schmerzen in der Hüfte. Im Krankenhaus erzählt sie dem Arzt recht detailliert, was passiert ist und ruft noch selbst ihre Tochter an. Nach einem Röntgen wird ein Schenkelbruch diagnostiziert. Ihre Tochter ist sofort ins Krankenhaus gekommen und bleibt bei ihr auf der Station, bis sie in den OP gebracht wird. Maria M. ist etwas aufgeregt, aber hat bald ihren Humor zurück. Kurz vor dem Eingriff scherzt sie noch mit dem Krankenpfleger.

Die OP verläuft ohne Komplikationen, als Maria M. aufwacht, ist sie zunächst sehr müde. Doch plötzlich wird sie zappelig, reißt die Infusionsnadel heraus und will aufstehen. Eine Pflegerin kann sie beruhigen. Maria M.‘s Tochter kommt zu Besuch, ihre Mutter scheint sie jedoch nicht zu erkennen. Stattdessen erzählt sie davon, dass das Mittagessen nicht geschmeckt hat, obwohl sie gar kein Mittagessen bekommen hat. Untertags schläft Maria M. viel, abends ist sie dafür hellwach und sehr unruhig. Die Tochter ist besorgt und spricht mit dem Pfleger. Mit ihrer Mutter stimme etwas nicht. Die zuständige Ärztin erkennt dann schnell: Maria M. hat ein Delir.

 

Prävention statt Behandlung

renate groß

Dr. Renate Groß, Psychiaterin an der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie I.

Das Delir ist kein seltenes Phänomen, es wird allerdings geschätzt, dass 60% der Fälle nicht erkannt werden. Je älter der Patient ist, je kränker, umso wahrscheinlicher ist es, dass er ein Delir erfährt. „Für die Pflege sind die Informationen der Angehörigen sehr wichtig.

Verhält sich der Patient anders als sonst? Erkennt er seine Besucher? Mag er plötzlich sein Lieblingsessen nicht mehr? Das alles können wichtige Hinweise sein“, erklärt Dr. Renate Groß, Fachärztin an der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie I. Sie setzt sich sehr für Delirprävention ein – denn bereits im Vorfeld lässt sich viel machen. „Mit den richtigen Maßnahmen könnten 30-40% der Delir-Fälle verhindert werden“, ist Groß überzeugt. Die richtigen Maßnahmen wären: angepasste Kommunikation (langsam und laut sprechen), Schaffung eines bekannten Umfelds (der bekannte Pyjama oder Morgenmantel, viel Besuch von Nahestehenden, Fotos oder Lieblingsgegenstände etc.), Orientierungshilfen anbieten (z. B. Wochentag oder Datum häufig zu wiederholen) und benötigte Hilfsmittel zur Verfügung stellen (Brille, Hörgerät). „Für die Ärzte ist es auch sehr wichtig zu wissen, welche Medikamente eingenommen werden. Manche Wirkstoffe können ein Delir begünstigen, andere wiederum dürfen nicht abgesetzt werden“, erklärt Groß. (Eine Checkliste für einen bevorstehenden Krankenhausaufenthalt und einen Medikationsplan zum Download finden Sie hier.)

Am häufigsten tritt ein Delir bis zu drei Tage nach einem Eingriff auf, nach sieben Tagen wird es schon sehr unwahrscheinlich.

 

Schwerwiegende Folgen

„Wichtig ist, die zugrundeliegenden Ursachen schnell zu finden und zu eliminieren. Das kann Dehydrierung sein, eine Infektion, aber auch der Entzug eines Schlafmittels, das der Patient sonst immer eingenommen hat. Häufig sind mehrere Faktoren im Spiel“, so Groß. Es gibt kein kausales Medikament, um Delir zu behandeln. Zum Einsatz kommen Psychopharmaka gegen einige Symptome.

Wird ein Delir zu spät oder gar nicht erkannt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Ein Delir kann Demenz verursachen, zwei Drittel der Delir-Patienten haben bis ans Ende ihres Lebens (zumindest leichte, aber merkliche) kognitive Beeinträchtigungen. Auch die Mortalität steigt mit einem Delir: 35-40% der Patienten sterben in dem Jahr, in dem das Delir aufgetreten ist.

Renate Groß engagiert sich sehr im Kampf gegen Delir. „Wir können viele Fälle verhindern. Tritt es dennoch auf, muss man schnell reagieren. Der Zeitfaktor ist nicht zu unterschätzen! Wenn alle zusammenarbeiten, der Informationsaustausch gut funktioniert und die Angehörigen sensibilisiert sind, lässt sich viel bewirken.“