Ein Stück Normalität

Ein Stück Normalität
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Wenn Kinder und Jugendliche länger ins Krankenhaus müssen, verliert das Thema „Schule“ scheinbar an Bedeutung. Damit die SchülerInnen nicht komplett den Anschluss verlieren und die Schulfehlzeiten sich in Grenzen halten, besuchen sie die Heilstättenschule.

 

Sechs Klassen, rund 60 Schüler. Die Heilstättenschule der tirol kliniken ist größer als viele Dorfschulen. Trotzdem wissen viele nichts von ihrer Existenz.
„Im Krankenhaus hat natürlich die Therapie und Gesundwerdung oberste Priorität. Wir spielen aber eine wichtige Rolle für die Kinder. Wir geben ihnen das Gefühl der Normalität“, erzählt Andreas Waidhofer, Direktor der Heilstättenschule. Drei der sechs Klassen sind am Kinderzentrum angesiedelt – hier findet der Unterreicht meist direkt am Bett statt. Die drei anderen Klassen sind an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall angesiedelt. Das Gebäude ist ganz neu – seit es Ende November in Betrieb gegangen ist, hat die Innsbrucker Heilstättenschule dort ihren zweiten Standort.

Andreas Waidhofer, Direktor der Heilstättenschule Innsbruck/Hall.

Andreas Waidhofer, Direktor der Heilstättenschule Innsbruck/Hall.

 

Der Stundenplan wird sozusagen um den Therapieplan „herumgebaut“. Die SchülerInnen haben also eine Stunde Mathematik, gehen dann für eine Stunde zur Therapie und kommen danach wieder. Unterrichtszeit ist von ca. 8:00 bis 12:30 Uhr.

„Die Schule an der Kinder- und Jugendpsychiatrie stellt besondere Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer“, erklärt Waidhofer. Im Neubau in Hall werden PatientInnen mit Suchtproblematik, Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen behandelt. „Wir sind hier pädagogisch tätig, nicht therapeutisch! Und klar ist, dass die Therapie immer Vorrang hat“, stellt der Schuldirektor fest. Niemand wird hier gezwungen, in die Schule zu gehen, dennoch tun es die meisten der PatientInnen. Das hat zahlreiche Vorteile: Es ergibt sich eine geordnete Tagesstruktur für die Kinder und zumindest ein Stück normales Leben. Außerdem können so übermäßig viele Schulfehlzeiten verhindert werden. Damit der Unterricht gleichwertig zu dem in der Stammschule ist, pflegen die LehrerInnen der Heilstättenschule engen Kontakt mit den Lehrpersonen der Kinder. Somit lernen die PatientInnen jene Inhalte, die auch in ihrer Schule gerade auf dem Lehrplan stehen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, Schularbeiten zu schreiben und versäumen somit nicht allzu viel. „Die Schularbeiten werden von den Lehrpersonen der Stammschule erstellt und sie korrigieren sie auch. Das ist für die Kinder besonders wichtig – sie möchten vor den gleichen Aufgaben stehen wie der Rest der Klasse“, erklärt der Direktor.

 

Individueller Unterricht – individuelle Methoden

Da sich jede Klasse aus SchülerInnen unterschiedlicher Schulstufen zusammensetzt, findet ein sehr individueller Unterricht statt. „Gruppenarbeiten gibt es eher selten, auch Frontalunterricht ist nicht möglich“, erklärt Waidhofer. An der Heilstättenschule wird ein anderer Ansatz verfolgt als an Regelschulen: Hier geht es um betont kindgerechten Unterricht, die Lehransätze sind weniger auf Leistung ausgerichtet, auch die Lehrmaterialien sind andere.

Wenn Jugendliche aus höheren Schulen an die Kinder- und Jugendpsychiatrie kommen, werden sie mitunterrichtet und erhalten ebenfalls eine individuelle Betreuung. Diese ähnelt oft eher einem Coaching als dem klassischen Schulunterricht.

Nach der Entlassung halten die SchülerInnen anfangs häufig noch Kontakt zu den Lehrpersonen. „Je länger ein Kind bei uns ist, umso stärker wird die persönliche Bindung“, sagt Waidhofer. Doch meist bricht der Kontakt nach einiger Zeit ab, wenn jene Lebensphase, in der die Kinder- und Jugendpsychiatrie wichtig war, für die Kinder abgeschlossen ist.

„Die Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ist für unsere Lehrpersonen eine große Herausforderung, die Erfolgserlebnisse sind klein und selten, dennoch arbeiten hier alle sehr engagiert“, ist der Direktor sichtlich stolz auf sein Team.

 

Die Heilstättenschule ist eine Pflichtschule und umfasst  alle Schulstufen von der ersten bis zur neunten.  Die LehrerInnen sind ausgebildete PflichtschulpädagogInnen.  Die Heilstättenschule ist eine Innsbrucker  Schule, die drei Klassen in Hall sind ein dislozierter Standort.